Ich kann mich hier eigentlich gar nicht in dem Maße über die laufende Sexismus-Debatte aufregen, wie es nötig wäre. Und eigentlich will ich es auch gar nicht, denn es wurde schon von allen Seiten eigentlich alles gesagt, was nötig ist. Doch eine Sache macht mich immer wieder stutzig: Einige der Politiker, die sich zum Thema äußern, kommentieren nicht das eigentliche Problem – sexistische Kommentare und dergleichen – sondern machen sich Sorgen um das “Klima” in Deutschland. Immer wieder habe ich das jetzt gelesen, diese Frage, in “welchem Land” man denn leben möchte, etwa in einem, in dem man keine Witze mehr machen darf?
Der neuste Mann, der diese Angst ausdrückt ist Dirk Niebel, der hier mal nur stellvertretend genannt sein soll für all die Leute, die sich sorgen, dass wir bald “Amerikanische Verhältnisse” haben, was auch immer das jetzt genau bedeuten soll. Niebel mag ja eine gute Sache ansprechen, nämlich Sexismus gegen Männer, aber das Ganze klingt eher nach Palaver als nach wirklicher Sorge. Er sorgt sich also, dass man mal zitiert werden könnte mit etwas, was man ja nicht so gemeint habe. Dass man ja mal Sprüche bringen dürfte, ohne dass die gleich gegen einen verwendet werden. Aber genau hier rege ich mich am meisten auf: Was ist denn das für eine Sorge, bitteschön? Wenn ein Politiker eine Meinung zu irgendwas hat, dann wird die halt so zitiert wie er die ausdrückt. Das hat nix mit “falsch verstehen” zu tun! Wie heuchlerisch, anzunehmen, dass es einen ‘Schutzraum’ gibt, in dem man als Politiker seine eigentliche Meinung zu allem möglichen sagen dürfen muss! Denn, und das mag vielleicht naiv klingen, ein Politiker sollte zuallererst ja für seine eigene Meinung einstehen, ob er die jetzt abends an einer Bar äußert oder im Bundestag.
Klar, als Entscheider muss man manchmal Kompromisse machen, oder auch mal Dinge unterzeichnen, die man nicht mag, oder was weiß ich. Aber wieso dürfen Aussagen von Politikern nur noch in ‘reingewaschener’ Form, nachdem sie vom Pressesprecher korrigiert wurden, gedruckt werden? Letztens gab es in der ZEIT, im Rahmen der Steinbrück-Kanzlergehalt-Sache, einen ganz netten Artikel zu diesem Thema… zur Frage, warum eigentlich niemand mehr mal einfach so was sagen dürfe. Passt in der Sexismus-Debatte auch: Die ganzen ‘alten Herren’, wie sie gerade so gerne benannt werden, sollen ruhig mal damit konfrontiert werden, dass ihre lockeren Sprüche eben angreifend, erniedrigend oder verletzend sein können. Es geht nicht darum, dass ihre öffentlichen Aussagen gesäubert werden müssen von allem Witz oder Charme (…obwohl, wer hat den schon in der Politik…). Es geht darum, dass den Männern, die so reden, gezeigt wird, dass ihre eigene Weltsicht nicht mehr in die Öffentlichkeit passt.
Genau das war ja der Anlass für den Brüderle-Artikel. In vielen der Stories, die ich die letzten Wochen gelesen habe, ging es leider viel zu oft um die Frage, wie man sich denn nun “noch” verhalten dürfe. Und nicht um die Frage, wie altmodisch und überholt viele Männer (und Frauen, leider) die Geschlechterverteilung sehen. Drum finde ich: Keinem soll in Deutschland da der Mund verboten werden, erst Recht nicht den Politikern. Schafft die Pressesprecher ab! Lasst die bitte einfach mal genau das sagen, was sie wirklich denken! Im Fernsehn! So dass sich alle Zuschauer ein Bild machen können, wer die größten Chauvis sind, und ihre nächste Stimmvergabe vielleicht nochmal überdenken werden.
So. Ich rege mich ja nicht oft im Internet auf, aber diese ganze Geschichte hat mich dann doch geärgert. Vor allem, nachdem ich eine halbe Nacht lang diverse Statements dieser #aufschrei Kampagne gelesen habe, und mir richtig übel wurde. Nicht wegen der Stories anderer Leute, sondern weil mich jeder Beitrag an Erlebnisse aus meinem eigenen Leben erinnert, viele sogar nicht einmal aus der all zu weiten Vergangenheit. Ich habe richtig angefangen, mein eigenes Verhalten zu dem Thema zu überdenken, und mir ist sehr unangenehm aufgefallen, dass ich keine Ahnung habe, wie ich mit solchen Situationen in Zukunft umgehen soll.
Erst letztens hatte ich eine ‘Situation’ im Bus, wo ein ziemlich junger (vielleicht 14 oder so?), sehr seltsamer Typ sich neben mich setzte, und irgendwie die ganze Zeit versucht hat, mit seinem Bein mein Bein zu berühren. Ich hatte nen Rock und ne dicke Wollstrumpfhose an. Der Typ hat seine Hand irgendwie zwischen unsere Sitze gelegt, halb an mein Bein, und ich bin immer weiter ans Fenster gerutscht. Erst als ich aufstehen wollte, hab ich gecheckt dass der mit seinen Fingern an meinem Bein rumgegrabbelt hat! So richtig registriert hab ich das anfangs irgendwie nicht, dachte das wäre keine absichtliche Berührung. EKELHAFT. So ekelhaft. Dazu hat er die ganze Zeit so gestarrt. Wieso hab ich nicht seine Hand genommen und weggeschubst und ihn laut zurecht gewiesen? Wieso hab ich nur beim aussteigen böse geschaut? Wieso hab ich lieber versucht ihn zu ignorieren und hab aus dem Fenster gestarrt, statt zu fragen, was das bitte soll? Furchtbarer Gedanke, da falsch gehandelt zu haben, ich fühl mich so doof und schwach… so auf *ignore* zu stellen, obwohl das wirklich keine große Sache gewesen wäre was zu sagen. Allein das aufzuschreiben kotzt mich an.
Ich weiß ja, dass es einen großen Unterschied gibt zwischen jemanden tatgreiflich anzugehen oder zu verfolgen, als nur blöde Sprüche zu kloppen. Aber es ist immerhin gut, dass die Gesellschaft mal mehr aufmerksam wird darüber, wie das Leben für viele Frauen so ist. Allein die Tatsache, dass ich jedes Mal, wenn ich nachts mal nach Hause laufe, Angst habe, dass irgendwo einer lauert… und dass ich meinen Schlüssel als ‘Schlagring’ in der Hand habe, wie es mir eine Freundin mal gezeigt hat? Ist das denn normal? Einmal bin ich von einer Party nachts heim gelaufen, und ein Mann kam auf mich zugestolpert, versuchte mir an den Arsch zu fassen und krakehlte mich an, ob ich nicht “ficken?!” wollte. Zum Glück war ich da schon fast daheim.
Oh noch eine Sache: Ich habe mal eine Studie gelesen, dass Männer grundsätzlich in den seltensten Fällen ausweichen, wenn eine Frau auf sie zu kommt, und der Platz zum Vorbeigehen nicht reicht – zum Beispiel auf dem Gehsteig oder in der Fußgängerzone. Ich habe das dann mal getestet, und bin absichtlich nicht mehr ausgewichen, sowohl Männern als auch Frauen nicht mehr, wenn ich die Hauptstraße runter ging. Ergebnis: Ungefähr die Hälfte der Männer wich aus, aber in allen Fällen zogen sie nur im letzten Moment ihre Schultern und Ellbogen weg. In den restlichen Fällen liefen die Leute einfach in mich rein. Früher, fiel mir da auf, bin ich immer ausgewichen. Mittlerweile mach ich es nicht mehr, einfach nur um nicht dauernd das Gefühl zu haben, es tun zu müssen. Aber somit denke ich auch bei jedem Rempler drüber nach. Da wünsche ich mir das arglose, selbstbewusste Rempeln der Jungs auch so ohne nachzudenken verinnerlicht zu haben. Naja, Übung macht ja bekanntlich den Meister.
Ich hab ja ne Weile überlegt ob ich mich da an nen Kommentar trauen sollte…
Mein Problem mit der ganzen Sache ist, dass diese Reporterin ein Jahr (!) gebraucht hat, um damit raus zu rücken. Und zuuuuuuufällig,genau dann rauskam, als Brüderle wieder jemaqnd geworden ist.
Now dont get me wrong: ich weiß,dass Schock etc braucht um verarbeitet zu werden…aber den Spruch, den sie angeblich gedrückt bekommen haben soll fällt kaum in diese Kategorie.
Und plötzlich wurde “schon jede Frau in Deutschland Opfer sexueller Belästigung” (O-Ton TV)
Sexuelle Belästigung IST nicht zu entschuldigen.Egal von wem,an wen.
Und jetzt kommt der Punkt,wegen dem ich überlegt hab:Muß man den solche Sprüche sooooooooo aufbauschen?Meine Mutter bekommt so Sprüche,die man locker als frauenfeindlich bezeichnen kann öfters ab (jaja,sexuelle Belästigung ist was anderes,aber sagnwirmal in der selben “Heftigkeit” wie der Brüderle Spruch). Was macht sie?Schreibt sie der Emma?…Nö!Sie liefert nen grad so blöden Spruch direkt zurück.Und damit ist dem Gegenüber viel wirkungsvoller der Mund gestopft.
Ich find halt den Startpunkt dieser ganzen Debatte etwas fragwürdig…Klar sollte man sich mit dem Sexismus auseinandersetzen.Aber nicht so scheinheilig.Dann eher aufgrund Zahlen zu Sexuellen Nötigungen/Übergriffen und Benachteiligungen, und nicht weil Frau Lieschen Müller vom Stern/Spiegel/sontswo das große Geld wittert.
tl,dr:Sexismus ist kacke, aber der Brüderle ist nicht der Urheber
ach,und ich bin nicht FDP-Wähler;)
Nur mal zum Klarstellen: Der Artikel wurde nicht veröffentlicht mit dem Ziel, Brüderle der sexuellen Belästigung anzuzeigen. Es gab keinen “Schock” den sie zu verarbeiten hatte. Sie hat anlässlich Brüderles Nennung zum Spitzenkandidat ein Porträt geschrieben, in dem sie unter anderem auf seinen altmodischen Altherrenhumor Bezug nimmt. Sie hat nie von “sexueller Belästigung” gesprochen, und sie hat das auch nicht so im ersten Moment empfunden. Das “Zitat” war eher als Beispiel für Brüderles veraltete Einstellung anzusehen. Dein Argument ist also hinfällig hier.
Außerdem ist es sehr wahrscheinlich, dass die meisten Frauen schon solche Erfahrungen gemacht haben – warum sollte man das nicht mal an den Pranger stellen, egal aus welchem Anlass?
Und ja, muss man. Klar ist ja super, wenn man fähig ist, kesse Sprüche zurückzudrücken. Aber in vielen Fällen stopft das dem Gegenüber nicht das Maul, sondern bestätigt ihn als “erfolgreich”, da er eine Reaktion provozieren konnte. Zweitens: Nicht jede Frau möchte das können müssen. Ich fühle mich unglaublich unfähig, in solchen Situationen nen coolen Spruch parat zu haben, und möchte nicht das Gefühl vermittelt bekommen, dass ich dann halt selber Schuld bin.
Und hey, natürlich geht es Publikationen wie dem Spiegel oder so ums Geld. Das macht aber deren Themen nicht per se zu Gewäsch. Aufmerksam muss man bleiben, denn vieles ist populistisch aufgebauscht. Aber ganz ehrlich, ich finde es sehr grenzwertig beim Thema Sexismus erstmal mit einem jovialen “die übertreiben doch eh… diese Frauen…” zu kommen. Sehr grenzwertig
Will sagen: Nur weil mal eine Zeitung mit einem Thema Geld macht und Aufmerksamkeit erregt, heißt das nicht dass das Thema irgendwie unwichtig ist.
Ich hab nie behauptet, Brüderle sei der Urheber von irgendwas
Oh, gerade erst gesehen! Muss ich irgendwie überlesen/übersehen haben, die ganze Zeit… Ähm JA! Ich bin da ganz auf deiner Seite (wie du vermutlich ohnehin schon weißt). Ich finde den Auslöser der ganzen Debatte auch ziemlich peinlich (für Brüderle) und den Artikel ein wenig fragwürdig (spricht aber für den Stern), aber das ändert einfach nichts an der Sache. Ich empfehle übrigens dieses wissenschaftliche Paper zum Thema (http://www.uni-bielefeld.de/psychologie/ae/AE05/Diehl_Rees_Bohner_Kommentar-zur-Sexismus-Debatte_lang_2013-02-07.pdf), das ganz viele der momentan kursierenden ‘Thesen’ der Kategorie “Jetzt müssen die Männer auch noch Angst haben, dass ihnen ein Witz als sexuelle Belästigung ausgelegt wird” (oder auch Kubickis “Ich nehm jetzt keine Journalistinnen in meinem Auto mit”, was ja mal sowas von sexistisch ist…) widerlegt.
Ach, man könnte sich stundenlang aufregen…